Egoismus
Bei Herrn Mark debattiert man über den Egoismus einer Familiengründung angesichts von Überbevölkerung und das es dabei nur um persönlichen Glücksgewinn durch die bedingungslose Liebe der Kinder ginge.

Wenn das ganze nur Blut, Schweiß und Tränen wäre, würde es kein Mensch freiwillig machen. Ich weiß nicht, ob die positiven Momente überwiegen oder Eltern debil genug sind, die negativen Momente zu vergessen.

Aber hier mal eine kurze Liste der Dinge, die mein Glück definitiv nicht steigern:

- Kindergartenelternabende, auf denen man der Leiterin und einer Erzieherin zuguckt, wie sich sie gegenseitig einen Luftballon zustupsen um den Wert von Aufmerksamkeit, Kooperation und Ausgeglichenheit vorzuführen.
- Zirkusbesuche, Dino-Ausstellungen und ähnliches
- nachts um 3 Monster jagen, die das Kinderzimmer heimsuchen
- pädagogische Ratschläge von Leuten, die zufällig vorbeikommen

Man ist schlagartig abhängig von allem möglichen Institutionen und Leuten:
statt Urlaub wann und wo ich will bestimmt die Schulverwaltung, wann wir wegfahren können, und wieso ist das immer zur Hauptsaison?
Das mit der Hauptsaison ist ärgerlich, da ist nämlich alles teuerer und das Familien mit mehreren Kindern finanziell schlechter dastehen als Doppelverdienerhaushalte ist hinlänglich untersucht.

Es geht mehr Zeit in Arztwartezimmern drauf als man jemals vor seinem 75. Geburtstag eingerechnet hat:
Vorsorgeuntersuchungen führen zu Überweisungen an Pädaudiologen, Pädorthopäden, den Augenarzt, den Kieferorthopäden, den Allergologen... jedesmal ein Vormittag weg (wenn man einen Job hat heißt das immer ein halber Urlaubstag) und das bitte mal 3 bis 4... dabei haben wir nach allem was man anderswo hört, außerordentlich gesunde Kinder, die weder regelmäßige Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie noch sonstwas brauchen.

Selbst wer nicht mit einer Schwangerschaft wie meiner "gesegnet" ist, verzichtet 9 Monate lang auf Dinge, die vorher selbstverständlich waren: das Glas Wein am Abend, den gewohnten Sport und so sie noch keine Topxoplasmose hatte sogar ein Salamibrötchen.

Purer Egoismus?


Die bedingungslose Liebe des Kindes... die gibt es nicht. Bedingungslos lieben tun Eltern, für Kinder ist das, was wir tun, ehrlich gesagt selbstverständlich und das ist auch gut so. Niemand soll Schuldsgefühle gegenüber seinen Eltern haben weil er ihr Leben durch seine reine Existenz "ruiniert" hat. Eltern, die das so empfinden, haben was falsch gemacht.
Aber selbst am sabbernden, zahnlosen Baby-Grinsen hängen Bedingungen: satt, zufrieden und warm zu sein, sich sicher zu fühlen. Niemand sollte denken, das käme bedingungslos.
Wenn sie älter werden, hört man auch mal öfter, was für Fehler man hat, und zwar schonungslos.

Man vernachlässigt seine Karriere, verdient weniger und gibt Geld für Dinge aus, auf die man ohne Kinder nicht käme.

Warum tut man das? Gute Frage. Mit Egoismus kann man das irgendwann nicht mehr erklären.

Nur Rente und Fortbestand von Kultur und Zivilisation sind zumindest für uns keine ziehenden Argumente. Aber die Allgemeinheit hat etwas von den Kindern, die wir (also, nicht nur ich und Tigergatte, sondern Eltern insgesamt) großziehen. Sie sichern Rente und die Infrastruktur, die auch Kinderlosen noch in 30 Jahren ihr gewohntes Leben bietet.

Was tun die Kinderlosen dafür?
Steuern zahlen, mit denen unsere Kinder ausgebildet werden. Das tun wir aber auch. Okay, weniger durch ein Steuerrecht, daß zu den kompliziertesten weltweit gehört. Ob das also fair ist... ich bin keine Steuerexpertin, sondern immer froh, wenn wir es hinter uns haben.

Aber ist es egoistisch wenn man nicht ganz kleine Teile seines Einkommens in Investitionen steckt, die auch die Zukunft anderer sichern?




kelef am 02.Mär 13  |  Permalink
das mit der bedingungslosen liebe etc. sagen nur die, die selber keine kinder haben. die anderen wissen es besser.

letztlich liegt es in der natur des menschen, wie jeden anderen lebewesens auch, sich fortzupflanzen. bei manchen ist dieser instinkt mehr, bei manchen weniger ausgeprägt, bei manchen gar nicht.

und das mit der kohle und der zukunftssicherung und all diesen dingen, versus steuerersparnis durch kinderabsetzbeträge etc.: man kann ja einmal ausrechnen, wie die dinge wirklich liegen, so ehrlich und mit zins und zinseszinsen. da staunt man ganz schön.

ich verstehe nie, warum man leuten unbedingt die eigene meinung und den eigenen lebensstil aufzwingen will. jeder hat seine wünsche, vorstellungen, begabungen, wenn sich dann noch ein lebenspartner, der dazupasst, findet, dann ist doch soweit einmal alles wunderbar.

oft sind auch die erfahrungen, die man selbst als kind gemacht hat, ausschlaggebend: die einen wollen es genauso machen wie die eltern, die anderen gar nicht, wieder andere komplett anders. das liegt aber wiederum am jeweiligen menschen, es geht ja jeder gemäss seiner veranlagung anders mit den vermeintlich selber erfahrungen um.

man sollte sie labern lassen, die besserwisser. wie so oft gilt: man kann dinge, die man nicht erlebt hat, nicht beurteilen, und erfahrungen, die andere vor dreissig jahren gemacht haben, nicht 1:1 auf heute umlegen.

cassandra_mmviii am 02.Mär 13  |  Permalink
Zufriedenheit hängt von mehr als der Kohle ab.

Aber rein kohletechnisch lohnt sich weder Kindergeld noch Steuerfreibetrag dauerhaft.

Ich würde die 3 bis 4 (je nachdem, wie man zählt) gegen nichts eintauschen wollen. Aber vom reinen Egoismus-Standpunkt macht das wirklich wenig Sinn.

Kommt aber wahrscheinlich auf die Egoismus-Definition an. Momente, in denen man umgeworfen wird und jemand quietscht "du bist die liebste Liebmama der Welt" obwohl man eigentlich grad nur die Treppe hochgekommen ist, sind nicht aufzuwiegen, und schon gar nicht durch Geld.

Aber irgendwie kann ich das nicht unter Egoismus packen.

kelef am 02.Mär 13  |  Permalink
zufriedenheit und kohle haben gar nichts miteinander zu tun. wer realistische wünsche hat, der kann sich diese auch erfüllen. wenn jemand der meinung ist, dass er in einem jahr als durchschnittsverdiener so viel geld auf die seite legen kann, dass er fünf jahre lang erster klasse um die welt reisen kann, dann stimmt irgendwo was nicht. ist diese person dann unzufrieden, nun ja: das geht wohl nicht anders. und wenn jemand meint, reines üben mache aus jedem einen konzertpianisten, solotänzer oder was auch immer: nun ja, das ist dann wohl auch ein wenig von der realität entfernt.

rechnet man die steuerersparnis und die kindergelder jeweils zusammen, und rechnet man die kosten, die durch die aufzucht und versorgung der lieben kleinen so im laufe der jahrzehnte entstehen, dagegen: aber hallo. da kann man dann gut sehen wie wenig unterschied zu den echten kosten eigentlich diese ganzen zuschüsse ausmachen, vorausgesetzt, man rechnet ehrlich.

liebgehabt zu werden und das auch noch gesagt zu bekommen ist einfach schön. das hat nix mit egoismus zu tun. aber man kann es sich durch nichts erkaufen.

cassandra_mmviii am 02.Mär 13  |  Permalink
Zu wenig Geld kann unglücklich machen. Wem das Paar Schuhe auseinanderfällt und draußen liegt Schnee und man muß sich zwischen Schuhen und Essen entscheiden... das macht unglücklich.

Andererseits gehöre ich echt nicht zu den leuten, denen Shoppen Spaß macht oder die glücklich mit Einkaufstüten nach Hause kommen. Einfach nicht meine Welt, sondern etwas, vor dem ich mit Befremden stehe.


Der R., der empfindet sich als unglücklich weil denkt, daß er wenig Kohle hat.
Da steht aber ein Auto und ein Motorrad rum, er wohnt in einem Haus mit Garten (was er sich teilt, aber immerhin).
Nee, da stimmt was anderes nicht.

Üben kann schon eine krassen Unterschied machen. Die Erwartung, alles möge immer vom Himmel fallen... da ist noch kein Meister runtergefallen :-)
Aber trotzdem braucht es zum Konzertpianisten auch Gehör und Finger, die die Tastatur erreichen.

Ob Glück sich automatisch einstellt, wenn man 5 Jahre lang um die Welt reist?
Weiß nicht. Vielleicht bin ich ein bescheidener Mensch, bei mir reicht schon ein sonniger Frühlingsnachmittag im Park oder auf der Terrasse für zumindest ausreichend Glück, um glücklich zu sein.

Ich weiß, daß es Leute gibt (den R.zB), die der Ansicht sind, ohne XYZ können sie nicht glücklich werden. Vielleicht habe ich die XYZs, die ich dazu brauche, und verstehe deswegen nicht, was das Problem ist.
Ich stand als Teenager auf der Dorfschule immer etwas bedröppelt daneben wenn sich Leute aufgeregt haben, wer die falschen Schuhe trug. Ich war eh in Gesundheitsschuhen wg Rücken unterwegs und Spott der Klasse, die Frage Nike oder Adidas oder Puma ging völlig an mir vorbei.

kelef am 02.Mär 13  |  Permalink
dass zuwenig geld unglücklich machen kann ist richtig, aber glück ist relativ. wer seine ziele so hoch steckt dass er sie einfach nicht erreichen kann, der muss fast notwendigerweise unglücklich werden.

ohne eine gewisse voraussetzung - wie eben richtig singen zu können und das notwendige gehör und gespür und stimmvolumen zu HABEN - nutzt das üben einmal gar nichts. da kommt höchstens mittelmässigkeit heraus. nur wenige sind auserwählt. unzufrieden oder gar unglücklich zu sein weil man nicht tanzen kann wie nurejew oder singen wie netrebko oder malen wie michelangelo: das ist einfach dumm, und sonst gar nichts.

sich ziele zu setzen die man vernünftigerweise erreichen kann, und dann vielleicht noch ein wenig darüber hinaus, und sich dann ehrlich darüber freuen, das macht - imho - glücklich und zufrieden.

wer seinen status an markenkleidung und all-inclusive-urlauben festmacht, der hat von vornherein schlechte karten.

am 02.Mär 13  |  Permalink
all-inclusive wär für mich ein martyrium
und für den der mitfährt auch

ich seh mich schon mit miesem gesicht in den speisen rummgabeln
markenkleidung muss ich ma gucken: is strellson markenkleidung? keine ahnunk

abba ich bin total unglücklich

keiner schlägt mich als papst alexander vor

loco-just-loco am 03.Mär 13  |  Permalink
statt Urlaub wann und wo ich will bestimmt die Schulverwaltung, wann wir wegfahren können, und wieso ist das immer zur Hauptsaison?

In Frankreich wollen sie grad die Sommerferien verkürzen, und die Feriengebiete (ich wohne da, wo andere Urlaub machen) sind äußerst unglücklich damit: so wird nämlich die Hauptsaison verkürzt.
Das ist nämlich so herum: nicht die Ferien liegen in der Hauptsaison, sondern Hauptsaison ist, wenn Schulferien sind. Und wenn die Hauptferien im Oktober lägen, wäre auch da die teure Hauptsaison.
Immerhin sind geschätzt über 70% der Werktätigen irgendwie von den Schulferien abhängig...

cassandra_mmviii am 04.Mär 13  |  Permalink
nicht die Ferien liegen in der Hauptsaison, sondern Hauptsaison ist, wenn Schulferien sind. Und wenn die Hauptferien im Oktober lägen, wäre auch da die teure Hauptsaison.

Schon klar, aber trotzdem äußerst ärgerlich.


Es ging mir in erster Linie um dasd Argument, daß man Familie als Ego-Projekt betrachten könne. Und von Egoismus-Standpunkt muß man sagen, daß Schule einen schon ziemlich einschränkt in der Zeitplanung.